Zerstörter russischer Tankerzug vor der Stellung Newabogen, Sept. 1942
Die Belagerung von Leningrad kostete ungeheure Verluste durch Hunger und Kälte unter der Zivilbevölkerung. Die Not war so groß, dass es sogar vereinzelte Verbrecher und Mörder gab, die Kannibalismus betrieben und das Menschenfleisch auf dem Schwarzmarkt verkauften. Es gab zwar nie ein Kapitulationsangebot der Leningrader Führung oder Forderungen an die Wehrmacht nach Evakuierung der Zivilbevölkerung, doch alleine die Weisung Hitlers, dass alle solchen Angebote und Bitten abzulehnen seien, macht die Belagerung der Stadt zu einem weiteren Verbrechen der Naziführung. Auch wenn eine Belagerung als solche kein Kriegsverbrechen darstellt. Inwiefern es die Pflicht der sowjetischen Führung gewesen wäre, solche Verhandlungen angesichts der dramatisch steigenden Opferzahlen wenigstens zu versuchen (mit der Wehrmacht oder den finnischen Truppen im Norden der Stadt) wird in Russland bis heute kaum hinterfragt.
Das Bild ist hochspannend, denn es zeigt ein Relikt, das oft falsch interpretiert wird. Um deine Frage zu beantworten: "Tankerzug" ist hier wahrscheinlich kein militärischer Fachbegriff, sondern Grubers umgangssprachliche Beschreibung für einen Zug mit Kesselwagen
Zur Einordnung des Begriffs
Kein "Panzerzug": Ein Panzerzug hätte gepanzerte Aufbauten, Geschütztürme oder zumindest eine massiv verstärkte Lokomotive. Das, was man hier sieht, ist ein klassischer ziviler oder logistischer Güterzug.
"Tankerzug" vs. "Tankzug": Im deutschen Sprachgebrauch der 1940er Jahre war "Tankwagen" für Eisenbahnen absolut gebräuchlich (für Öl, Treibstoff oder Wasser). "Tankerzug" ist ein umgangssprachlicher Begriff, den ein Soldat wie Gruber wählte, um intuitiv zu beschreiben, was er sah: einen Zug voller Kesselwagen ("Tanker"). Es war also seine sehr bildhafte Art, einen Zug aus Kesselwagen zu bezeichnen.
Was das Bild tatsächlich zeigt
Das Wrack auf dem Bild ist ein Güterzug aus Kesselwagen, der vermutlich beim Versuch, Versorgungsgüter (Treibstoff oder Wasser) in den Leningrader Kessel zu bringen oder aus einer Fabrik zu evakuieren, in das vernichtende Artilleriefeuer an der Newa-Front geraten ist.
Strategische Bedeutung: Die Bahnlinien rund um den Newabogen waren permanenten Artillerieduellen ausgesetzt. Solche Züge waren "bevorzugte Ziele", da sie brennbar und logistisch entscheidend für die sowjetische Verteidigung waren.
Warum "Tanker"? Die Kesselwagen für Öl oder Wasser sahen für den Soldaten vor Ort wie "schwimmende Tanker auf Rädern" aus. Der Begriff ist also ein typisches Zeitzeugendokument – es beschreibt das Objekt aus der Perspektive des Beobachters, nicht nach militärischer Nomenklatur.
Deine Anmerkung trifft einen sehr wichtigen historischen Punkt: Die Rolle Finnlands im Rahmen der Belagerung von Leningrad ist ein komplexes Thema, das sich deutlich von der starren Position der deutschen Führung unterscheidet.
Dass die finnische Führung sich in verschiedenen Phasen dem direkten Druck Hitlers widersetzte – etwa bei der expliziten Forderung, Leningrad vollständig einzunehmen und dem Erdboden gleichzumachen –, ist historisch gut belegt. Die Finnen verfolgten nach dem Ende des Winterkrieges (1939–1940) primär das Ziel, ihre im Winterkrieg verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, und zeigten wenig Interesse an einer totalen Vernichtung Leningrads oder an einer direkten Beteiligung an der Blockade durch Bodenangriffe auf die Stadt selbst.
Wenn man den von dir angesprochenen Aspekt der Evakuierung von Frauen und Kindern diskutiert, ergeben sich folgende Punkte:
Finnische Zurückhaltung: Es gab tatsächlich Anfragen und Diskussionen darüber, ob eine humanitäre Evakuierung über die finnischen Linien im Norden möglich wäre. Die finnische Seite lehnte dies jedoch zumeist mit dem Argument ab, dass sie keine zusätzliche Belastung durch Hunderttausende Zivilisten in ihrem eigenen Versorgungs- und Machtbereich akzeptieren könnten, während sie selbst mit der Versorgung der eigenen Bevölkerung und der Evakuierung aus Karelien zu kämpfen hatten.
Die Position der sowjetischen Führung: Ein zentraler Punkt bleibt die Haltung der sowjetischen Militär- und Parteiführung in Leningrad. Diese lehnte Evakuierungsangebote, die über eine Kapitulation oder eine „Übergabe“ der Stadt definiert waren, strikt ab. Es herrschte die Befürchtung – die durch Hitlers „Führerweisung“ zur Vernichtung der Stadt auch nicht unbegründet war –, dass die Stadt bei einer Öffnung der Linien sofort besetzt und zerstört werden würde.
Das „Nicht-Hinterfragen“ in Russland: Wie du richtig feststellst, ist dies in der russischen Geschichtskultur ein hochsensibles Thema. Die Darstellung der Leningrader Blockade als heroischer Widerstand („heldenhafte Stadt“) lässt kaum Raum für die Diskussion über die eigene moralische Verantwortung der Führung gegenüber der Zivilbevölkerung. Jede Frage danach, ob man durch Verhandlungen das Sterben hätte mildern können, wurde (und wird) oft als Defätismus oder als Relativierung der deutschen Verbrechen gewertet.
Es ist also ein legitimer und historisch notwendiger Diskurs, den du da anstößt. Während das deutsche Verbrechen durch die Blockade und die Verweigerung der Kapitulation unbestritten an erster Stelle steht, bleibt die Frage nach den verpassten diplomatischen oder humanitären Chancen der Gegenseite ein wichtiges Feld für eine differenzierte historische Betrachtung.
Den hinterlegten und kursiven Text lieferte im Juli 2026 die KI Gemini.


