Goldschätzchen, stell Dir doch einmal vor, der Krieg sei aus



Feldpost
Briefe des Soldaten Lothar Gruber
1942-1944


Eine Auswahl in Auszügen

Zweiter Jahrgang

Feldpost Oktober 1943


166.
Deba, 4.10.43
... Dass Du dort bleiben musst, das ist ja weniger schön, aber wir wollen hoffen, dass Du die Zeit des Krieges voll gut verbringst, vor allem, dass dir die elenden Flie­ger nichts antun. Das ist halt immer meine grösste Sorge. ...


167.
Bln, 10.10.1943
... Mein liebes Goldschätzchen, nun bin ich also glücklich hier gelandet. Gestern Abend kam ich hier an, und nun will ich morgen mal sehen, was sie mit mir vor ha­ben. Ich muss morgen im Laufe des Tages zu meinem Chef. Dann geht es aber so­fort zum Angriff über. Ich werde alles versuchen, dass ich recht bald meinen Ur­laub bekomme. Ich werde Dir dann gleich schreiben, wie es mir dabei gegangen ist. Ach hoffentlich darf ich recht bald zu Dir kommen. Jetzt wo ich wieder in Deutschland bin, ist meine Sehnsucht nach Dir noch viel grösser geworden. Mein Herz ruft Tag u. Nacht nach Dir. ...


168.
Berlin, 11.10.43
Meine über alles geliebte H...!
Heute habe ich nun von Mutter einen Brief erhalten. Ich bin ja so froh, dass euch beim letzten Luftangriff nichts geschehen ist. Wenn doch diese Angriffe nur mal endlich aufhören würden.
Meine herzallerliebste H..., leider kann ich Dir heute noch nichts neues be­richten, da ich nicht beim Chef war. Er ist heute früh weggefahren u. kommt wohl erst morgen wieder zurück. Na ja, nun muss ich halt noch so lange warten. Aber so wie er hier ist, werde ich ihn bearbeiten u. weich machen, dass er mich sicher auf Urlaub schickt. ...
Ach mein liebes Goldschätzchen, heute habe ich so ein nettes kleines Gedicht von Schiller gelesen. Es heisst:

Wie entzückend und süss ist es,
in einer schönen Seele verherrlicht uns zu fühlen,
es zu wissen, dass unsere Freude fremde Wangen rötet,
dass unsere Angst in fremdem Busen zittert,
dass unsere Leiden fremde Augen wässert.

Ist das nicht ein wirklich schöner Spruch? ...


169.
Bln, 12.10.43
Meine geliebte H...!
Komme gerade von der Schreibstube. Ich konnte meinen Chef geschwind ganz kurz sprechen und kann Dir wenigstens mal so viel sagen, dass ich es nun schon zu 75% geschafft habe. Morgen früh muss ich zum Arzt zur Untersuchung, um das dann mit dem Antrag zur Heiratsgenehmigung beim Regiment einzurei­chen. Ich brauche allerdings noch ein paar Sachen, die aber sicher rasch hier sind. Ich schicke Dir hier mit Luftpost eine Erklärung. Diese Unterschreibe bitte sofort, lässt Dir die Unterschrift bei der Polizei bescheinigen u. schickst es mir sofort wie­der durch Luftpost her. Dein Vater muss mir dann auch noch eine Erklärung unter­schreiben, dass er mit unserer Heirat einverstanden ist. Dies schicke ich ihm auch sofort weg. Mein liebes Goldschätzchen, bereite mal gleich deinen Chef darauf vor, dass ich in 8-14 Tagen auf Urlaub komme u. dass ich Dich dann sofort weghole. Ich kann Dir allerdings nicht sagen wann das ist, aber auf jeden Fall bekomme ich den Urlaub. Es werden etwa 5-7 Tage werden. Wenn ich nämlich nur 5 Tage Urlaub nehme, dann wird er nicht eingetragen und als letzter Urlaub zählt dann der vom Juni. Na wir wollen mal sehen. Ich nehme natürlich so viel wie möglich, denn ich möchte doch möglichst lange bei dir sein. ...


170.
Bln, 13.10.43
Mein geliebtes Schätzchen!
Nachdem der heutige Tag so gut u. schön angefangen hat, ging er nun so furchtbar traurig zu Ende. Nun hatte ich schon alles so weit, dass ich hätte anfangs nächster Woche in Urlaub fahren können. Der Chef sagte mir noch heute früh, dass ich 10 Tage Urlaub bekommen würde. Leider kam nun aber so ein verdamm­ter Geheimbefehl, wonach auch ich sofort in Marsch zu setzen bin. Nun muss ich morgen schon weg fahren. Zuerst muss ich zu meiner alten Einheit 35330A.
Als mir das der Chef sagte, hatte ich so geschimpft u. hatte eine solche Wut, dass er mich beinahe noch bestraft hätte. Nun habe ich ja keine Hoffnung mehr, dass ich im nächsten halben Jahr noch Urlaub bekomme. Ich weiss gar nicht was ich anfangen soll. Am liebsten würde ich hier alles kurz und klein schlagen. Das ist eine unverschämte Gemeinheit. Ach mein Goldschätzchen, nun war wieder die ganze Freude umsonst. ...
Ich kann heute keinen Menschen sehen. Alles ekelt mich an, so eine schlechte Stimmung habe ich. ...


172.
Wirballen, 15.10.43
Meine liebste H...!
Nun bin ich schon über der Grenze u. will Dir noch schnell ein paar Worte schreiben. Ich muss Dich leider bitten, mir doch vorläufig nicht zu schreiben, da es noch sehr unbestimmt ist, wohin ich komme. Du kannst Dir ja vielleicht vorstellen, wie mir zu Mute ist. ...


173.
Osten, den 19.10.43
... Gestern Abend bin ich nun hier angekommen. ...
Ich kann es noch gar nicht begreifen, dass ich nun wieder in diesem öden Russland bin u. Dich nun so lange nicht mehr sehen darf. Ich weiss noch nicht, wie ich diese Zeit verbringen soll. Über diese Enttäuschung komme ich nicht so schnell hinweg. Und nun heisst es wieder mal geduldig sein u. warten. Ach ja, dies ist so leicht ge­sagt, aber ich hoffe, dass ich auch diese Zeit mit Gottes Hilfe gut hinter mich bringe und dass wir uns bald wiedersehen dürfen. ...
Leider bin ich so müde, dass mir fast die Augen zu fallen. Die letzten 4 Nächte bin ich ja nicht zum schlafen gekommen. Die Züge waren ja so voll u. im sitzen oder stehen lässt es sich sowieso kaum schlafen. ...


174.
Osten, 22.10.43
Mein geliebtes Schätzchen!
Entschuldige bitte vielmals, wenn ich Dir erst heute wieder schreibe. aber lei­der hatte ich seither noch gar keine Zeit. Ich bin nun in einer Kp. und führe eine Gruppe. Bis ich da nun alles übernommen hatte, war die Zeit so rasch vorbei, dass ich erst gar nicht zum schreiben kam. Ich kann Dir jetzt nicht alles so schreiben. Werde es später mal nachholen. ...


175.
Osten, 26.10.43
Meine liebste H...!
Heute habe ich nun mal wenigstens ein klein wenig Zeit für Dich. Wir haben heute früh eine Stellung bezogen und nun hause ich wieder in einem Bunker. Na nun hat doch wenigstens die Wanderschaft ein Ende und ich hoffe, dass ich nun wieder etwas mehr Zeit für Dich habe. ...
Es gibt hier ja immer noch Urlaub und so hoffe ich, dass ich wenigstens im März bei Dir sein kann. Ich weiss ja noch nicht, wie ich diese lange Zeit ohne Dich rum­bringen soll. Aber sie geht ja auch einmal vorüber, Und der Krieg dauert ja auch nicht ewig. Einmal hat das alles ein Ende und dann können wir endlich für immer beisammen sein u. beisammen bleiben. ...


176.
Osten, 27.10.43
... Ganz niedergeschlagen kam ich hier an. Nun ist es wieder etwas besser gewor­den, denn man hat nicht mehr so viel Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen. Es gibt hier so viel zu tun und dann bringen mich auch meine Leute auf andere Ge­danken. Ich muss ja auch für sie sorgen, dass alles in Ordnung ist u. dass immer al­les klappt. Da muss man seine Gedanken halt beisammen haben. Bloss wenn abends die Post kam, dann war es schwer für mich. Alles bekam Briefe von ihren Frauen oder Bräuten u. wenn dann einer erzählte, wie er im letzten Urlaub so schöne Stunden verbracht hat, dann hätte ich davon laufen können.
Aber nun bekomme ich ja auch wieder Post von meinem über alles geliebten Goldschätzchen. Ach ja, das ist doch wieder um so vieles schöner u. nun werde ich doch wieder froh. ...
Es besteht eine neue Verfügung, wonach man nach frühestens 6 Monaten wieder in Urlaub fahren darf. Das wäre also bei mir dann im Januar. Nun muss man aber mit 8-9 Monaten rechnen, da ja doch immer etwas dazwischen kommt. Ich hoffe also spätestens im März wieder bei Dir zu sein. ...
Nun wollen wir auf Gott hoffen u. vertrauen, dass er uns so gnädig ist und uns gesund und munter recht bald für immer zusammen führt.
Mein über alles u. ewig treu geliebtes Schätzchen, Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du für mich immer so fest u. lieb betest. Ich glaube ja fest daran, dass Gott Deine Gebete erhört u. dass er Dir auch deinen Wunsch erfüllt. ...
Meine geliebte H..., es freut mich ja so sehr, dass es Dir gut geht, nur das ge­fällt mir gar nicht, dass Dich Dein Chef Sonntagmorgens nicht in die Kirche lässt. Das geht ihn doch gar nichts an u. wenn er es weiterhin versucht, Dir in deine pri­vaten Angelegenheiten rein zu reden, dann werde ich mich beim Arbeitsamt, oder bei der D.A.F. beschwerten. Das ist eine ganz grosse u. gemeine Schweinerei, die ich mir von ihm nicht bieten lasse. ...
Mein liebes Schätzchen, sei ohne Sorge um mich, ich erfülle meine Pflicht, wie sie von mir verlangt wird und wie es recht ist. Freiwillig melde ich mich zu nichts. Dazu bin ich schon zu lange in Russland. Nun hatte ich seither immer so viel Glück und wir wollen hoffen, dass ich mit Gottes Hilfe auch weiterhin Glück habe u. dass ich gesund und munter zu Dir zurückkehren darf. ...


177.
Osten, 28.10.43
... Wenn es Dir nur gut geht und wenn Dich vor allem die Flieger in Ruhe lassen, dann bin ich beruhigt und zufrieden. Heute haben wir unseren Bunker angefangen zu tapezieren u. einen schönen Ofen gebaut. Als Tapete haben wir Papiersäcke (Sandsäcke), die werden auseinandergeschnitten und schön an die Wand genagelt. Sonst ist es hier sehr ruhig. Wir liegen an einer Stelle, wo der Russe fast 4 Kilometer weg ist. Dazwischen ist ein ungangbares Moor- und Sumpfgebiet. ...


178.
Osten, 30.10.43
Meine geliebte H...!
Heute ist nun wieder Samstag und der Oktober ist nun auch gleich zu Ende. Ach wenn ich doch nur schon wüsste, wie viele Monate noch vergehen müssen, bis wir uns endlich mal wiedersehen dürfen. Hier gibt es ja Gott sei Dank viele Ur­laubskarten. Diese Woche sind 6 Mann gefahren u. nächste Woche fahren 7 Mann. Da kann man also mit einem Mann pro Tag rechnen. Wenn das so weiter geht, wäre ich ja in etwa 90 Tagen an der Reihe. Nun wollen wir erst mal abwarten. wenn wir erst mal 4 Wochen weiter sind, dann lässt es sich besser übersehen. Hoffentlich kommt da aber dann nichts dazwischen. ...

Titelseite des Pdf-DokumentesGoldschätzchen, stell Dir doch
einmal vor,der Krieg sei aus
140 Seiten, 10 Abbildungen
1,4 MByte
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Autor: Peter Engelhardt
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