Goldschätzchen, stell Dir doch einmal vor, der Krieg sei aus



Feldpost
Briefe des Soldaten Lothar Gruber
1942-1944


Eine Auswahl in Auszügen

Erster Jahrgang

Feldpost Dezember 1942


6.12.42
Meine geliebte H...
Nun ist heute schon der zweite Advent, und wir sind feste im Angriff. Ent­schuldige bitte vielmals, dass ich Dir jetzt erst wieder schreibe, aber ich hatte frü­her bestimmt keine Zeit. Liebste H..., vielen herzlichen Dank für Deine Briefe vom 21. 23. 24. u. 26. November. Es war für mich eine sehr grosse Freude, als wir gestern die Post erhielten. Es war das erste Mal seit dem 27.11.
Liebste H..., will Dir nur kurz berichten, wie es uns in letzter Zeit ging. Ich musste am 27.11. zu unserer Werkstatt-Kompanie fahren, um ein neues Funkgerät zu holen. Am 28.11. war ich abends zurück und da traf ich meine Kameraden un­terwegs. Nun mussten wir marschieren bis in den Abend des 30.11. Am Morgen des 1. Dezember stieg dann um 6:45 Uhr unser erster Angriff. Liebste H..., gerade an diesem Tag waren meine Gedanken nur bei Dir. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn wir deinen Geburtstag hätten gemeinsam verbringen können. Aber leider war das nicht möglich. Von morgens bis 6 Uhr abends griffen wir an und nahmen eine Ortschaft nach der anderen. Es war eine wahre Freude, wie der Russe vor uns herlief. Leider war es sehr kalt und wir mussten ohne Decken und Zeltbahn unter freiem Himmel schlafen. Es ging erst noch, die Winterbekleidung hielt doch ziem­lich warm. Aber dann ging es weiter, immer hinter dem Russen her. Am 4. Tag hat­ten wir unser Ziel erreicht. Wir waren froh, denn hier konnten wir wenigstens wie­der einen Bunker beziehen. 3 Nächte bei Schneegestöber unter freiem Himmel, das reicht einem so langsam. Nun versucht der Russe mit aller Gewalt, seine Stel­lung wieder zu gewinnen. Er hat schon sehr hohe Verluste erlitten und wird immer wieder zurückgeschlagen. Er hat schon 30 Panzer in 3 Tagen verloren. Nun hoffen wir, dass wir bald abgelöst werden und an Weihnachten in einer ruhigen Stellung, oder sonst gut verbringen. ... Wie schön wäre es jetzt, wenn ich, anstatt in meinem kalten Bunker, wo kein Ofen ist, nun mit Dir zusammen irgendwo in einer warmen Stube sein könnte. Schön waren immer abends die Stunden, wo wir bei schöner Radiomusik und Kerzenlicht sassen und an unsere Liebste einen Gruss sandten. Leider ist es vorläufig damit aus. ...
Meine liebste H..., mit Empörung lasen wir von der frechen Gemeinheit der Tommys. Ich will hoffen, dass sie nicht so oft kommen und dass euch nichts pas­siert. Geht nur immer gleich in den Keller, denn dort ist es doch immer noch siche­rer als oben. Es wäre für mich furchtbar, wenn Dir irgend etwas zustossen würde. Meine geliebte H..., um mich brauchst Du nicht besorgt sein. Ich bin schon vor­sichtig und hoffentlich ist mir das Glück auch weiterhin hold. Glück braucht man hier ja am meisten. Na, ich glaube kaum, dass ich jetzt kein Glück mehr haben soll, wo mir ja in meinem Urlaub das grösste Glück widerfahren ist.
Liebste H..., hoffentlich sind die drei Kg. Päckchen nicht verbrannt. Das wäre sehr schade, weniger wenn ich sie nicht bekomme, aber Ihr müsst euch ja alles am Mund absparen, was Ihr fortschickt. Dadurch wird so ein Päckchen mindestens doppelt wertvoll. Na wollen mal sehen, ob sie ankommen.
Meine geliebte H..., nun ist es schon 9 Uhr geworden. Ich wurde nun noch­mals unterbrochen. Bin gerade fertig mit dem Essen. Unsere Küche liegt etwa 8 Km hinter uns und die Strasse, auf der sie vor fährt wird vom Feind eingesehen. Da kommt das Mittagessen immer erst abends. Heute hat es sogar mal wieder Pudding gegeben. ...


13.12.42
... Vielleicht kommen wir noch in Ruhe, aber die Hoffnung ist sehr gering. Na ist ja auch egal. Wir machen es uns schon so schön und so gemütlich wie nur irgend möglich. ... ...Hoffentlich haben wir das nächste Jahr das Glück und können an Weihnachten beisammen sein. Aber wer weiss, was bis dahin ist. Vielleicht sind wir da auch gerade in England. Man kann es ja nie wissen. Oft geht sowas schneller als man denkt. Bis dahin ist es ja noch lange und darüber wollen wir uns noch keine Sorgen machen. So wie es kommt, so kommt es. Wir können ja doch nichts daran ändern. Die Hauptsache ist ja vorläufig, dass es recht viel Urlaubskarten gibt, dass auch ich bald wieder bei Dir sein darf, denn das ist mein grösster Wunsch und wird es auch immer bleiben. ...


15.12.42
Meine liebste H...
Habe gerade noch ein trockenes Plätzchen gefunden und will Dir geschwind ein paar Zeilen schreiben. Wir haben hier ein ganz tolles Wetter. seit zwei Tagen "regnet" es bei uns. Wir sind in einem Sumpfgebiet und Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es jetzt hier aussieht. Na dafür ist es jetzt ruhig bei uns und das ist auch für etwas gut. Wir haben jetzt nur den einen Wunsch, dass es wieder kalt wird und gefriert. Unsere ganzen Bunker und alle Stellungen stehen unter Wasser. Ach liebste H... wie schön könnten wir es jetzt haben, wenn ich bei Dir zu Hause sein könnte. Da müsste man nicht stundenlang Wasser schöpfen, um auf dem Tro­ckenen liegen zu können.
Meine liebste H..., nun kommen wir immer näher an Weihnachten heran und bald ist auch dieses Fest vorüber. Nun ist es schon das zweite Weihnachten, das wir in Russland verbringen und wir wollen hoffen, dass es auch das Letzte ist. Mit dem Russen ist ja nicht mehr viel los und wir glauben fest daran, dass er im Früh­jahr seinen letzten Rest bekommt und dann endgültig erledigt ist. Inzwischen tun wir halt weiterhin unsere Pflicht und hoffen, dass voll alles gut vorübergeht und dass wir ins recht bald gesund u. munter wiedersehen dürfen. ...


18.12.42
... Nach gut verbrachtem Umzug sitze ich nun heute Abend mal wieder an einem Tisch. Liebste H..., will Dir mal kurz berichten, wie wir die letzten Tage verbracht habe. Nachdem uns Pioniere ein Loch in die Erde gesprengt und ausgeschachtet hatten, gingen wir an den Bau unserer neuen Unterkunft. Wir haben ein kleines Haus gebaut, allerdings nur aus etwa 3 cm starken Brettern. Es ist 3 m lang, 1,80 m breit und 1,70 m hoch und beherbergt 3 Mann mit 2 Funkstellen. Aussen gut ver­packt mit Heu, Stroh u. dann Erde. Innen mit Decken und Zeltbahnen ausgeschla­gen, so dass die Wärme des kleinen Ofens auch im Raum bleibt. Ein Advendskranz und Tannenzweige geben unserem Heim die nötige Weihnachtsstimmung. Wenn wir nun auch über das Fest hier in Stellung bleiben, so ist es doch etwas ganz ande­res wie seither. Hier kann man schon einigermassen feiern, sofern uns der Russe dazu in Ruhe lässt. Ja mein süsser Liebling, hier erlernt man alle Berufe. Wir bauen uns alles was wir brauchen und das ist so ziemlich alles, was es gibt. Lieber aber ein paar Tage fest zupacken und dafür eine etwas angenehme Unterkunft haben. Nun, mein geliebtes Schätzchen, habe ich noch etwas ganz erfreuliches. Mein Oberleut­nant sagte mir gestern, dass er mich auf einen Lehrgang schicken will. Ich bin schon dazu gemeldet. Nun entscheidet der Regimentskommandeur ob ich fahren darf. Liebste H..., drücke mir doch bitte die Daumen, dass ich das Glück habe. Ich käme in die Gegend von Warschau. Dazu noch für ein ganzes Viertel-Jahr. Eine Zeit lang, wo es hier am kältesten ist, in einer schönen Kaserne zu verbringen, ist doch bedeutend angenehmer. ...


20.12.42
... Der Russe ist jetzt ziemlich ruhig. Er ist nun damit beschäftigt, sich eine neue Stellung zu bauen. Dadurch haben auch wir etwas mehr Ruhe. Mein liebster Schatz, es ist ja so wunderschön, wenn wir abends in unserem Bunker sitzen. Draussen ist es ziemlich ruhig, nur der Sturm heult sein ewiges Lied. Um diese Zeit sitze ich immer beim spärlichen Schein einer Kerze am Tisch oder auf meinem Bett und dann wandern meine Gedanken zu Dir mein Liebling. Dies ist immer wieder die schönste Stunde des Tages. ...
Mein liebster Schatz, ob Du wirklich so verwöhnt wirst? Allzu schlimm wird es ja nicht sein, denn man bekommt ja fast nichts mehr. ...
... ich will nun für heute schliessen. Muss jetzt dann auf Wache ziehen und seit 1/2 Stunde regnet es. (Verrücktes russisches Wetter) ...


Uffz Abend Weihnachten 1942 Gostilizy
"Uffz Abend Weihnachten 1942 Gostilizy"
Ganz offensichtlich hat hier Gruber bei der Datierung einen Fehler gemacht. Weihnachten 41 verbrachte seine Einheit in Gosilitzy, aber ähnlich hat man sich wohl eine solche Feier auch 1942 bei Kholm vorzustellen.

23.12.42
Meine liebste H...
Nun sind es nur noch 24 Stunden und dann feiern wir hier unser Weihnachts­fest. Das zweite Weihnachten auf russischer Erde, weit weg von meiner Liebsten und doch in Gedanken ganz nahe bei Dir. Aber wenn es auch gegen die Friedens­weihnacht etwas kläglich und ärmlich ausfällt, so sind wir doch glücklich und hocherfreut über die vielen lieben Gaben der Heimat und unseres Führers, die uns dieses Fest erst schön macht. So wird es für uns ein schönes u. stilles Fest in treu­em Kameradenkreise werden und es ist uns auch zugleich ein Gelöbnis, unsere ganze Kraft einzusetzen, um die Heimat davor zu bewahren, ihr jemals dieses Fest zerstören zu lassen.
Meine geliebte H..., gerade jetzt sind meine Gedanken ganz besonders stark bei Dir und auch bei unseren Eltern. So wird es wohl jedem Soldaten hier gehen. Und dies ist vor allem das heisse Sehnen nach dem lieblichen und häuslichen Glück, das uns daheim erwartet. Es ist die grosse Sehnsucht nach Dir, mein einzi­ger heissgeliebter Schatz. Und so glaube ich auch zu spüren, dass auch Du in die­sen Tagen mit Deinen Gedanken besonders viel bei mir bist. ...


27.12.42
... Zuerst meinen allerherzlichsten Dank für Deinen lieben Brief vom 16.12., der mir eine sehr grosse Freude gemacht hat. Er kam gerade am heiligen Abend an. Nun meine liebste H..., wir verbrachten den heiligen Abend sehr nett. Wir bekamen Zi­garetten, Zigarren, Tabak, Likör u. 1/2 Flasche Sekt. Dazu noch Schokolade, einen Stollen, Dropse u. Kleingebäck. Es war doch eine ganze Menge guter Sachen und wir haben auch ganz nett gefeiert. Nur Du hast mir halt gefehlt, mein süsser Lieb­ling. Aber ich habe im Geiste den Sekt mit Dir zusammen getrunken. ...
... Wir hatten ja leider das Pech und mussten am 1. Feiertag auf Wanderschaft. Heute ist nun Sonntag und die Uhr zeigt schon 1/2 10 Uhr. Dieser Marsch hat uns ziemlich geschlaucht, denn die Strassen waren stark vereist und dann jeden Tag etwa 30 Km. Aber das kann uns ja nicht erschüttern. Wir haben jetzt eine sehr ruhi­ge Stellung bezogen und liegen in einem schönen und grossen Bunker. Hier wer­den wir ganz schön Sylvester feiern. Wir haben nur den einen Nachteil, dass wir etwa 1/2 Std. laufen müssen, bis wir zur Küche kommen. Na, das ist ein netter klei­ner Spaziergang. Es fehlt dabei nur noch die richtige Begleitung. ...
Meine liebste H..., wenn ich Glück habe, so kann ich zu der Zeit, wo Dich der Brief erreicht vielleicht schon auf dem Wege nach Warschau sein. Das wäre ja herr­lich. Wenn ich ja erst mal dort bin, dann versuche ich ja alles, um voll ganz nach Deutschland zu kommen. ...


31.12.42
... Meine geliebte H..., ja ich weiss noch genau, wie ich sagte, dass wir an Weih­nachten vielleicht wieder beisammen sind. Leider kam da so manches dazwischen. Beim Militär ist halt alles sehr ungewiss. Na hoffentlich habe ich das Glück, dass ich zu diesem Lehrgang wegkomme, dann ist schon sehr viel gewonnen. ...
...wollen hoffen, dass uns das neue Jahr recht viel angenehmes bringt. Aber wie es auch immer kommen mag, wir werden immer unseren Mann stellen und treu un­sere Pflicht erfüllen, denn wir wissen, was wir der Heimat u. unserem lieben Führer schuldig sind. So wird uns aber auch der Glaube an die Heimat und der Glaube an unser Liebstes immer die Kraft geben und uns stärken und helfen den Sieg zu er­ringen. ...

Titelseite des Pdf-DokumentesGoldschätzchen, stell Dir doch
einmal vor,der Krieg sei aus
140 Seiten, 10 Abbildungen
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Autor: Peter Engelhardt
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